Dauerstress und Stagnation

chronischer Stress

Schreck, Wachsamkeit und die unmittelbare Kampf- oder Fluchtreaktion können in Dauerstress, Traumatisierung, Spannungsmuster und körperliches Leiden übergehen. So können wir uns in einer konstanten, mäßigen Anspannung oder in tief verkrampfter Starre befinden.

Auf einer Ebene steigert oder verlangsamt sich die Pulsation, auf einer anderen entstehen Verschiebungen und Anpassungen auf der empfindlichen vorderen Körperseite; Schichten und darunterliegende Beutel verändern sich, die die Körperhöhlungen trennenden Verengungen ziehen sich mehr zusammen oder lockern sich und verändern dadurch die Druckverhältnisse und Pumpbewegungen.
Das Gleichgewicht zwischen Empfindsamkeit und Selbstbewußtsein verschiebt sich und verzerrt beide: Bestimmtheit als Qualität wird zu Stolz, Ärger, Wut und Furcht; Empfindsamkeit wird zu Trauer, Hilf- und Hoffnungslosigkeit.
Das Aufrechtsein, d.h., die Unversehrtheit der inneren, tragenden Räume, verschiebt sich.

Schreckhaltungen und Spannungsmuster hemmen innere Beweglichkeit und Pulsation, ob im Widerstand oder im Nachgeben.
Widerstand ist der Prozeß der Expansion, der Verlängerung und des Aus-sich-herausgehens. Dabei verfestigt sich der Organismus, schafft er mehr Form, Struktur und Grenzen und er wird übermäßig begrenzt.
Nachgeben ist der Prozeß der Kontraktion, Kompression und Nach-unten-sinkens. Dabei wird der Organismus weicher und flüssiger, indem er weniger Form annimmt und weniger Grenzen schafft, wird er zuwenig begrenzt.

Fixiert sich der Expansions- Kontraktionszyklus an einem Punkt, ist er statisch, so entsteht daraus eine dauerhafte Veränderung in der Form und der Funktion der Organe und wird die somatische Gestalt übermäßig oder ungenügend begrenzt.
Eine der wichtigsten Funktionen der Muskulatur ist es, den Tonus zu erzeugen, der innere Grenzen oder Zusammenhalt gewährleistet.
Das Gehirn versammelt und kategorisiert zelluläre Erfahrung zu einem generellen Muster von Gewebebewußtsein. Verändert sich das Pulsationsmuster, ändert sich auch das Empfinden und die zelluläre Form und damit unsere bewußten und unbewußten Bilder und Verfassungen.
Um Gewebebewußtsein und emotionale Erfahrungen aufzuzeichnen, treten die drei Ebenen des Gehirns miteinander in einen Dialog. Das Mittelhirn aktiviert frühe emotionale Lernprozesse, die zu den überlebensorientierten Kampf- und Fluchtmustern hinzukommen. Die Hirnrinde – der Cortex – zuständig für die Informationen und Symbolenstehung, trägt mit ihren auf soziale und emotionale Reaktionen bezogene Inhalte zum Dialog bei.

Schreckhaltungen

Eines des Schreckstadien ist ein Zustand höchster Wachsamkeit, der als „Hab Acht“ um handlungsbereit zu werden. Dies ist wie eine Territorialhaltung zum Schutze des eigenen Standpunktes: die Röhren und Tuben versteifen sich und heben sich leicht aus dem Becken heraus, Bauch- und Beckenraum werden leicht zusammengedrückt, wohingegen sich Brust- und Kopfraum aufblähen. Der Muskeltonus steigt, das Zwerchfell senkt sich und Adrenalin wird ausgeschüttet.

Ein anderes Schreckstadium ist der Rückzug und die Unterwerfung. Der Organismus zieht sich ermüdet aus der Haltung des unabhängigen Kriegers zurück in seine Bauch- und Eingeweideräume, die sich ausdehen, während die Pulsation in Brust- und Kopfraum träge wird und die oberen Körperräume nach unten sinken. Strukturen schwillen in ihre Umgebung hinein, um dann als Verteidigung gegen Streß in sich zusammenzufallen. Die Durchlässigkeit nimmt hier zwar zu, aber es fehlt an Intensität und die Erregung versickert. Die Fähigkeit, sich zu sammeln und das Gesammelte zu halten, geht verloren.

Beim Verdrehen zieht sich der Organismus zunächst nach oben und trennt dadurch seine obere Hälfte von der unteren, indem er sich aus dem Bauch- Beckenraum in die Brust, die Kehle und das Gehirn hochzieht. Durch diese Trennung kann sich der Organismus in einer Drehbewegung von sich selbst oder anderen abwenden. Er bleibt wo er ist und geht doch weg: er ist zerrissen. Der Körper wird so zusammengepreßt, daß der Lebensraum sich reduziert und die Fähigkeit, sich füllen und anschwellen zu können, sich mehr und mehr reduziert. Der tiefe Drang, zu expandiern besteht und so kämpft er zwischen vollen Aufrechtsein und dem Zusammenbruch. So können in einer Schreckhaltung durchaus zwei Muster gleichzeitig ablaufen.

Bei leichten bis schwerem Schock nimmt die Erstarrung immer mehr zu, bis sie schließlich den Organismus empfindungslos macht. Im extremen Schockzustand sind die Muskulatur, die Wirbelsäule und Lungen unbeweglich, die Augen können nicht mehr fokussieren, die Körperflüssigkeiten stocken.

Wir können uns also in der Gegenwart fragen, ob ein Reiz, der mal bedrohlich war, in der Gegenwart nach wie vor ein solches Symbol ist und demnach noch in derselben Weise die eigene Reaktion beeinflussen muß.
Doch dies allein löst nicht die Spannungsmuster und somatischen Prozesse tiefer Selbstwahrnehmung und damit die Art, die Welt zu fühlen und zu erkennen. Sie sind mehr als nur mechanisch eine Form der Selbststeuerung.
Muskeln und Organe kontrahieren nicht einfach, sondern sind zu einer Struktur, zu einer Gestalt organisiert. Aus diesen Organisationsformen entwickelt sich die Art und Weise, wie wir uns selbst erkennen und erkannt werden. Ein Individuum zu verstehen, setzt damit die Fähigkeit voraus, erkennen zu können, welche Schreck- oder Streßstruktur vielleicht vorherrscht, welche anderen komplexen Muster vorhanden sind, wie sie denjenigen somatisch und emotional beeinflussen und was durch sie in Hinblick auf das Selbstbild, die Selbstwahrnehmung und die Vorstellung des Selbst hervorgerrufen wird.

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